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Lebensdaten und Leistung
Anaximander lebte um 610-547 v. Chr. in Milet, als
Zeitgenosse von Thales. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er jenen
gekannt hat, und mit ihm in enger Gedankengemeinschaft gelebt hat. Er
gilt als Schüler und Nachfolger des Thales. Für Anaximander steht
dasselbe Grundproblem im Vordergrund wie für Thales, nämlich die Frage
nach dem Wesen des Ursprungs allen Seins.
Anaximander gilt als der erste Systematiker und als erster Philosoph,
der seine Philosophie niederschrieb. Zudem schrieb er als erster Grieche
in Prosaform. Es ist jedoch nur ein Fragment seiner eigenen Worte
überliefert.
Er war auch ein bedeutender Astronom und Astrophysiker und entwarf als
erster eine rein physikalische Kosmogonie. Er gründete seine
Überlegungen zur Entstehung des Weltganzen ausschließlich auf die
Beobachtung und das rein rationale Denken. Als erster beschrieb er
unsere Welt als einen Kosmos, der ein planvoll geordnetes Ganzes ist.
Ebenfalls als erster zeichnete Anaximander eine geographische Karte mit
der damals bekannten Verteilung von Land und Meer, wie er auch als
erster eine Sphäre, einen Himmelsglobus konstruierte. Die Karte ist
heute verschollen, wurde aber später durch Hekataios aufgewertet, von
dessen Werk wiederum eine halbwegs konkretes, wenn auch real ungenaues
Bild der Weltsicht überliefert ist.
Kosmologie und Kosmogonie
Anaximander sagte, bei der Entstehung des heutigen, geordneten
Universums hätte sich aus dem Ewigen ein Wärme- und Kältezeugendes
abgesondert, und daraus sei eine Feuerkugel um die die Erde umgebende
Luft gewachsen, wie um einen Baum die Rinde.
Die Gestirne entstehen laut Anaximander durch die geplatzte Feuerkugel,
indem das abgespaltene Feuer von Luft eingeschlossen werde. An ihnen
befänden sich gewisse röhrenartige Durchgänge als Ausblasestellen; sie
seien dort als Gestirne sichtbar. In gleicher Weise entstünden auch die
Finsternisse, nämlich durch Verriegelung der Ausblasestellen.
Weltbild
Das Meer sei ein Überrest des ursprünglich Feuchten. "Ursprünglich war
die ganze Oberfläche der Erde feucht gewesen. Wie sie aber dann von der
Sonne ausgetrocknet wurde, verdunstete allmählich der eine Teil. Es
entstanden dadurch die Winde und die Wenden von Sonne und Mond, aus dem
übrigen Teil hingegen das Meer. Daher würde es durch Austrocknung immer
weniger Wasser haben, und schließlich würde es allmählich ganz trocken
werden" (Aristoteles über Anaximander). Aus einem Teil dieses Feuchten,
das durch die Sonne verdampfe, entstünden die Winde, indem die feinsten
Ausdünstungen der Luft sich ausscheiden und, wenn sie sich sammelten, in
Bewegung gerieten. Auch die Sonnen- und Mondwenden geschähen, weil diese
eben, jener Dämpfe und Ausdünstungen wegen, ihre Wenden vollführten,
indem sie sich solchen Orten zuwendeten, wo ihnen die Zufuhr dieser
Ausdünstung gewährleistet sei.
Die Erde sei das, was vom ursprünglich Feuchten an den hohlen Stellen
der Erde übrig geblieben sei. Anaximander meinte, die Erde sei
schwebend, von nichts überwältigt und in Beharrung ruhend infolge ihres
gleichen Abstandes von allen Himmelskreisen. Ihre Gestalt sei rund,
gewölbt, einem Zylinder ähnelnd gleich einem steinernen Säulensegment.
Wir stünden auf der einen ihrer Grundflächen; die andere sei dieser
entgegengesetzt. Regengüsse bildeten sich aus der Ausdünstung, welche
infolge der Sonnenstrahlung aus der Erde hervorgerufen werde. Blitze
entstünden, indem der Wind sich in die Wolken hineinstürze und sie
auseinander schlage.
Seiner Auffassung nach sind die Lebewesen aus dem Feuchten durch die
Wärme der Sonne entstanden, indem sie von der Sonne ihrer Feuchtigkeit
beraubt wurden. Die Menschen seien ursprünglich aus Fischen bzw.
fischartigen Lebewesen entstanden; im Innern dieser Lebewesen seien sie
ernährt worden, und erst, nachdem sie die Fähigkeit erworben hätten,
sich selbst zu helfen, seien sie aus ihnen herausgeschlüpft und an Land
gegangen.
Ursprung [oder: Anfang] und Element sei das Unbeschränkte, das
Unbegrenzte; er bestimmte es nicht als Luft oder Wasser oder etwas
Ähnliches. Es sei eine gewisse Natur, und diese sei immerwährend und
bereite alle Dinge zu und lenke sie. Und die Teile verwandelten sich,
das All jedoch sei unverwandelbar. Das Apeiron sei das Allumfassende und
schließe alles in sich ein. Er bezeichnet es als das Prinzip der
seienden Dinge, und aus diesem seien die Welten und die darin
befindliche Ordnung entstanden. Denn aus diesem entstehe alles und zu
diesem vergehe alles. Weshalb auch unbeschränkt viele Welten produziert
werden und wieder vergehen zu jenem, aus dem sie entstehen. Er spricht
von Zeit, weil das Entstehen und das Dasein und das Vergehen genau
abgegrenzt worden sind. Er hat also das Unbeschränkte sowohl als
Ursprung wie auch als Element der seienden Dinge angewiesen. Er fügt dem
hinzu, dass die Bewegung ewig sei und dass eben deshalb bei dieser
Bewegung die Welten entstünden. Entstehen und Vergehen würden nur dann
nicht nachlassen, wenn dasjenige, von dem das Entstehende abgetrennt
wird, unbeschränkt sei. Der einzig erhaltene Satz des Anaximanders
lautet: Anfang und Ursprung der seienden Dinge ist das Apeiron (das
grenzenlos-Unbestimmbare). Woraus aber das Werden ist den seienden
Dingen, in das hinein geschieht auch ihr Vergehen nach der Schuldigkeit;
denn sie zahlen einander gerechte Strafe und Buße für ihre
Ungerechtigkeit nach der Zeit Anordnung. Der gesamte Satz scheint sich
auf die Notwendigkeit des Entstehens (des Werdens) und des Vergehens
(des Verfalls) zu beziehen. Er muss sich auf die ununterbrochene
Veränderung von einander entgegengestellten Formen oder Kräften
beziehen, der Grundgedanke muss also hier der Gedanke vom beständigen
Austausch zwischen entgegengesetzten Substanzen sein. In der ganzen
Naturwelt sind Bewegung und Veränderung eine Tatsache. Diese hat er als
Notwendigkeit aufgefasst, der alles Seiende unterliegt. Was im Kosmos
existiert, ist dem Wechsel und der Veränderung unterworfen; das eine
nimmt den Platz des anderen ein, dem Leben folgt der Tod und umgekehrt.
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